Connectedness. Warum wir ein neues Weltbild brauchen.

Die Welt enthüllt sich als ein integrales Ganzes, das auf Verbundenheit, Kooperation und gegenseitiger Abhängigkeit basiert.

Aus: Gerald Hüther/Christa Spannbauer (Hg.): Connectedness. Warum wir ein neues Weltbild brauchen. Huber Verlag, 2012.

Versuchten in den vergangenen Jahrhunderten die Wissenschaften noch, der Welt ihre Geheimnisse zu entreißen, indem sie diese in immer kleinere Teile zerlegte, so sind heute immer mehr Wissenschaftler darum bemüht, die auseinander gebrochenen Teile über die Grenzen der Disziplinen zu einem Ganzen zusammenzufügen. Die Pioniere und Wegbereiter eines neuen systemischen Weltbilds aus Physik, Biologie und Ökologie zeigen eindrücklich auf, dass die wesentlichen Eigenschaften jedes lebenden Systems nicht in den isolierten Einzelteilen zu finden sind, sondern erst durch die Wechselwirkung und die Beziehungen zwischen den Teilen entstehen. Die Welt enthüllt sich somit als ein integrales Ganzes, das weit mehr ist als eine Ansammlung von unverbundenen Teilen, sondern als ein Lebensnetz, das auf Verbundenheit, Kooperation und gegenseitiger Abhängigkeit basiert. Mit diesem Systemdenken vollzieht sich eine tiefgreifende Umwälzung in den wissenschaftlichen Disziplinen.

„Der Verlust der geistigen Welt in der modernen Welt wiegt schwer“, schrieb der Physiker Hans-Peter Dürr und forderte als Konsequenz dazu auf, die spirituelle Dimension der menschlichen Existenz zu erkennen, die wir so lange verdrängt haben. Dieser Schulterschluss zwischen moderner Wissenschaft und Spiritualität mag manchen zwar erst einmal verwundern, doch innerhalb der modernen Physik ist er alles andere als ungewöhnlich. Im Gegenteil: Viele der großen Naturwissenschaftler, die durch die Erforschung der atomaren und subatomaren Welt in Fühlung mit einer unerwarteten und überaus seltsamen Wirklichkeit gerieten, bei der ihnen die Grundlage ihrer wissenschaftlichen Disziplin – die Materie – förmlich zwischen den Fingern zerrann, wurden sich der Begrenztheit rein analytischer und rationaler Erkenntnismethoden bewusst. Als Folge wandte sich die Quantenphysik von der mechanistischen Betrachtungsweise der Welt ab und einer holistischen und systemischen Weltsicht zu, die die Verbundenheit aller Phänomene in einem komplexen Netz von Beziehungen betonte.

Die Welt enthüllt sich als ein integrales Ganzes, das auf Verbundenheit, Kooperation und gegenseitiger Abhängigkeit basiert.

Nun ist die wissenschaftliche Entdeckung, dass alles mit allem verbunden ist, alles andere als eine neue Erkenntnis. Bereits zu allen Zeiten und in allen Kulturen wurde sie von Menschen gemacht. Das holistische Weltbild der neuen Wissenschaft bestätigt das, was die Weisheitstraditionen aus Ost und West immer schon lehrten: Es gibt nur das Eine. In diesem lebendigen Kosmos gibt es keine getrennten Teile, nichts kann aus diesem Netz herausgenommen werden, ohne gravierende Folgen für das gesamte Gefüge nach sich zu ziehen. Solch eine Weltsicht, in der alles, was existiert, ein dynamisches, miteinander verwobenes und voneinander abhängiges Beziehungsgeflecht ist, stellt jedoch nach wie vor eine Herausforderung für das von Dualismen und Trennungen geprägte Weltbild des westlichen Abendlandes dar, dem seit dem 19. Jahrhundert zudem die Maximen des kapitalistischen Wettbewerbs und die Darwinsche Doktrin vom „Kampf ums Dasein“ eingeschrieben sind.

In keinem anderen gesellschaftlichen Bereich hat die Darwinsche Ideologie von der „natürlichen Auslese“ einen solch gnadenlosen und rücksichtslosen Konkurrenzkampf entfesselt wie in der Wirtschaft. Die von Darwin in seiner Evolutionslehre proklamierte These vom „Überleben des Tüchtigsten“ wurde zum bestimmenden Paradigma für die moderne kapitalistische Gesellschaft. Damit wurde das Band menschlicher Verbundenheit radikal durchtrennt und Konkurrenz statt Kooperation, Egoismus statt Ethik zu den Leitmotiven des neuzeitlichen Menschen gekürt. Diesem neuen Leitbild folgend wurde die Tendenz zur rationalen Vernunft und Selbstbehauptung in den Industriegesellschaften überbetont und die integrativen, das Gemeinwohl fördernden Tendenzen zunehmend vernachlässigt.

Die ökonomische Grundlagentheorie von der „Vernunft des Marktes“, die Idee also, dass die Märkte sich rational verhalten und daher selbst korrigieren würden, hat sich mittlerweile jedoch nicht nur als unhaltbar, sondern als geradezu absurd erwiesen. Die Märkte zeigen sich vielmehr als Spielfeld von globalen Playern, deren Egoismus und Geldgier einen weltweiten Wettbewerb um die Überlebensressourcen der Menschheit anheizt. Der homo oeconomicus, der mit der Entstehung des kapitalistischen Wirtschaftssystems im 19. Jahrhundert auf der Bildfläche erschienene Menschentyp, zu dessen Charakteristika rationales Kalkül, selbstsüchtiges Verhalten und Profitgier zählen, feierte mit ihnen seine Exzesse im entfesselten Neoliberalismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts und mutierte zur neuen Kaste der money-boys, superreichen Spekulanten und Investmentbankern, in deren Spekulationsblase 2008 die Existenzgrundlage von Millionen Menschen zerplatzte.

Es ist zweifelsohne an uns, den Wandel von einem egoistischen und destruktiven Wirtschaftssystem hin zu einem auf das Leben und die Zukunft ausgerichteten Wirtschaften der Nachhaltigkeit zu vollziehen.

Denn wir haben zugelassen und haben sogar aktiv dazu beigetragen, dass dieses Wirtschaftssystem sich in dieser Weise entwickeln konnte. Es verschaffte uns Vorteile, es eröffnete uns Möglichkeiten, die wir bis dahin nicht hatten. Wir haben es dazu benutzt, um ein möglichst angenehmes und bequemes Leben zu führen – und das auf Kosten anderer, die in diesem inzwischen global gewordenen Wettbewerb auf der Strecke geblieben sind. Die heutige Krise wurzelt tief in unseren Einstellungen und Ansichten. Sie ist die Folge unserer Abspaltung und Trennung aus dem lebendigen Netz des Lebens. Gingen Gründerväter der Marktwirtschaft wie Adam Smith noch unbesehen davon aus, dass in der Brust eines jeden Menschen selbstbezogene Interessen dominierten, widerlegen neueste Untersuchungen aus der Gehirn- und Verhaltensforschung ebenso wie Experimente aus der Spieltheorie diese ökonomischen Glaubenssätze des Eigennutzes. Vertreter aus allen Wissenschaftsdisziplinen fördern mittlerweile ein Menschenbild zutage, dem Empathie, Altruismus und Mitgefühl eingeschrieben und innewohnend ist.

Wir erleben derzeit zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte, wie an vielen unterschiedlichen Orten dieser Welt menschliche Gemeinschaften, die zum Teil über lange Zeiträume hinweg getrennt waren und verschiedene Wege gingen, in Kontakt miteinander kommen, sich austauschen und nach gemeinsamen Lösungen suchen. Das große Projekt der Verbundenheit, das Menschen seit jeher versucht haben, in die Tat umzusetzen, ist nun im 21. Jahrhundert erstmals als globales Unternehmen in Gang gekommen. Damit ein Projekt von einer solchen Tragweite gelingen kann und der wechselseitige Austausch ermöglicht wird, müssen wir das Band stärken, das Menschen über ihre Unterschiedlichkeit hinaus miteinander verbindet. Und wir müssen genau das überwinden lernen, was unser Denken, Handeln und Fühlen über so viele Jahrhunderte hinweg bestimmt hat: die Angst vor dem Fremden. Hierfür gilt es Brücken zu bauen, Vertrauen zu stiften, Umsicht und Geduld an den Tag zu legen, um das zur Entfaltung bringen, was wir in der heutigen Zeit so dringend brauchen: Verständnis für Menschen aus anderen Kulturen und Kreativität bei der Suche nach gemeinsamen Lösungen der großen Menschheitsprobleme.

Wer sich weiterentwickeln will, muss in Beziehungen denken und in Beziehungsfähigkeit investieren. So können wir alle miteinander und aneinander wachsen und unser Potential zum Wohle der Welt entfalten.

Denn wir haben weltweite Aufgaben zu lösen, die das Zusammenwirken aller Beteiligten dringend erforderlich machen. Allerorten ist ein Erstarken eines neuen bürgerschaftlichen Engagements und die Entwicklung und Stärkung einer Zivilgesellschaft zu verzeichnen , in der von engagierten Menschen entscheidende Veränderungsimpulse gegeben werden, neue Handlungsspielräume eröffnet und nachhaltige Zukunftsmodelle entwickelt werden. Bürgerschaftliches Engagement tut sich in den vielen Bürgerinitiativen, den weltweiten politischen Protestbewegungen und ihrem unüberhörbaren Ruf nach Demokratisierung und gerechter Verteilung der Ressourcen ebenso kund wie in dem freiwilligen und nicht von materiellen Interessen bestimmtem Einsatz vieler Menschen für das soziale Gemeinwohl. Menschen mischen sich ein und zeigen sich immer weniger dazu bereit, unhaltbare und ungerechte Zustände hinzunehmen.

Anders als unser derzeitiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das den Eigennutz des ökonomischen Menschen ins Zentrum rückt, hat diese neue weltweite Bewegung den empathischen Menschen zum Leitbild, der das Gemeinwohl aller im Auge behält. Der Physiker und Zukunftsforscher Fritjof Capra spricht in diesem Zusammenhang von einem globalen Immunsystem, das zum Schutz der Erde aktiv wird, einer kollektiven und geradezu instinktiven Antwort der Menschheit auf die akute Bedrohung ihrer Lebensgrundlagen. Dieses Immunsystem besteht aus zahllosen Menschen und Gruppierungen, die an allen Orten der Welt unermüdlich damit beschäftigt sind, die schädlichen Einflüsse, die das Leben bedrohen, zu neutralisieren und zu regenerieren.

Wir müssen unseren Blick schärfen für das, was das Leben bewahrt, was Neues in die Welt bringt, was Hoffnung erweckt.

Wir haben viel bewegt und viel zerstört. Nun ist es an der Zeit, zu bewahren und nachhaltig zu gestalten. Dem menschlichen Vernichtungswillen scheint eine ältere Einsichtsfähigkeit und Weisheit entgegenzuwirken, die uns in einer Art und Weise mit allen Lebewesen auf diesem Planeten verbindet, die bislang unvorstellbar schien. Darin liegt das Versprechen der weltweiten ökologischen, sozialen und gesellschafts-politischen Bewegungen: Als gemeinsame Bewohner dieser Erde zu entdecken, dass wir eine globale Familie sind.

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